Das Einfache, das schwer zu machen ist.

Über Dietmar Daths „Klassenkampf im Dunkeln“

Von Hans Günter Bell, Sozialwissenschaftler, Geschäftsführer des Sozialistischen Forums Rheinland

 

In zehn „zeitgemäße[n] sozialistische[n] Übungen“ legt Dietmar Dath Gründe dafür dar, „daß wir nicht im Kommunismus leben.“ Anders als manche sozialwissenschaftliche Studie ist sein Buch in einer Sprache geschrieben, die beim Lesen Freude macht. Zudem: Dath redet nicht drumherum, sondern bringt die linke Kritik an den Verhältnissen sprachlich präzise auf den Punkt.

Seinem Hang zu Wissenschaft und Technik folgend wirbt Dath für einen „Computer-Sozialismus“ (Arno Peters), in dem informiert gehandelt wird und „Methoden der statistischen Inferenz, der Arbeit mit Wahrscheinlichkeiten und der induktiven Logik“ für sozialistische Planung und direkte Demokratie genutzt werden. Auf dieser Grundlage ist ein von Dath skizziertes Modellgemeinwesen möglich, in dem – so eine zentrale Idee seiner „Übungen“ – zwischen vier Sorten gesellschaftlich bedeutender Zeit unterscheiden wird: Arbeitszeit, Konsumzeit, politische Zeit und unbestimmte Zeit. Die wichtigste Rechtsbestimmung dieses fiktiven Gemeinwesens lautet:

„Niemand darf in diesem Gemeinwesen über die Arbeitszeit einer anderen Person so verfügen, daß damit ein Zugewinn an Konsumzeit, politischer Zeit oder unbestimmter Zeit für diejenigen Person erwirtschaftet wird, die fremde Arbeitszeit kommandiert und ihre Ergebnisse aneignet.“

In der Tradition von Marx Abhandlung über den „Bürger-krieg in Frankreich“ (1871) will Dath dieses Modellgemeinwesen durch politische Kontrolle mittels imperativem Mandat und geregelten Abwahlfristen für Menschen in Koordinierungsfunktionen vor „Kommandosklerose“ bewahren.

Wie kann es gelingen, ein solches Gemeinwesen aufzubauen? Haben wir laut Dath doch eine Lage am Hals, in der die Herrschenden „die ausgebeuteten und unterdrückten Klassen auf niedriger Flamme [grillen]“ und „die Arbeiterbewegung, wie wir sie kannten, … futsch [ist]“. Dath zieht hieraus keineswegs die Konsequenz, das Proletariat durch „allerlei Multitudirallala“ zu ersetzen. Für ihn heißt es statt dessen: Die Arbeiterbewegung „muß neu und anders wieder anfangen“. Doch eine Erfolgsgarantie kann es natürlich nicht geben, vielmehr warnt Dath nüchtern:

„Wenn denn das Proletariat die im Leninschen Sinn stärkste unter den nichtbesitzenden Klassen ist, heißt das keineswegs, daß es auch stark genug ist für den Job, um den es geht. Ist es dies nicht, so weiß das Manifest der Kommunistischen Partei immerhin einen Namen für das Szenario, das der Welt in solchem Falle droht – der ‚gemeinsame Untergang der kämpfenden Klassen‘.“

Neben dem Proletariat interessiert Dath auch die Intelligenz, die man „Tag und Nacht nerven [muss], bis sie wenigstens gewerkschaftliches Bewußtsein entwickelt“, und das Kleinbürgertum, das „heute stärker vom Abstieg, von Proletarisierung, vom Verlust seiner sogenannten Sicherheiten bedroht [ist] denn je“. Genervt geißelt er die „linke Phantomkleinbürgerei“, die 70 Prozent ihrer Tätigkeit gegen andere Linke richte. Statt dieser Kabbelei mit den linken Cousinen und Cousins empfhielt er, „über die Verhältnisse und die eigene Verstrickung in sie zu reden, sie klar ins Visier zu nehmen und für ihre Umwälzung zu werben.“ Nicht nur hier spricht er mir als linkem Aktivisten aus der Seele.

Selbst wenn der als richtig erkannte Weg "sehr schwer oder sehr unwahrscheinlich ist“, für Dath steht fest: einen anderen Weg als Klassenkämpfe gibt es nicht. Daher macht er sich Gedanken, wie die nichtbesitzenden Klassen dennoch zum Ziel – dem Sozialismus – kommen können. Ansatzpunkte hierfür findet er mit marxistisch geschultem Blick dort, wo die „Wertschöpfungsketten schwache Glieder [haben]“ und „die Herrschenden ihre Zeitgewinne … auf die neuesten technischen Grundlagen stellen und weiterentwickeln“ – also im Kernbereich der kapitalistischen Mehrwertproduktion.

Manchmal ist Dath Empfehlung aber auch so schlicht wie richtig, etwa wenn er als Antwort auf die „entsetzliche“ militärische Lage „Antimilitarismus, Antimilitarismus, Antimilitarismus“ fordert.

 

Warum für etwas streiten, das wir nicht erleben werden?

Die zentrale Frage stellt Dath zum Schluss: Warum sollen wir für etwas streiten, das wir nicht erleben werden? Es trifft ja zu: „Die Kräfte sind schwach. Das Ziel ist weit weg.“ Ist das Engagement für eine Entwicklung in die zuvor beschriebene Richtung nicht schlicht „sinnlos“? Seine Antwort lautet:

„Wenn mir keine Mittel gehören, mit denen ich die Arbeit anderer aneignen kann, muß ich die Verfügung derer, die solche Mittel haben, … mit aller Kraft bekämpfen, weil ich sonst Objekt von Entscheidungen bin, die in jeder Hinsicht mein Leben gefährden.“

Jede Entwicklung, die in Richtung demokratischer Planung der Produktion und Reproduktion für alle zeige, sei den Einsatz wert.

Dath bietet mit dieser kleinen Schrift, „einen neuen Blickwinkel, in dem man eine längst bekannte Sache noch mal anders anschauen kann“. Dabei leugnet er nicht, wie schwierig die Lage ist, aber fordert überzeugend dazu auf, mit Verstand und Umsicht zu kämpfen. Sein – richtiges – Fazit: Auch wenn die Ausgangsbedingungen schlimm sind: „Eins ist sicher: Wer sie bloß anstarrt, macht sie schlimmer.“

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Dietmar Dath: Von 1998 bis 2001 verantwortlicher Redakteur des Kölner Magazins für Popkultur „Spex“; von 2001 bis 2007 Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) mit Schwerpunkten Wissenschaftskultur, elektronische Lebensaspekte, Science-Fiction und Verwandtes, danach freier Autor, und seit September 2011 wieder Redakteur im Feuilleton der FAZ.

Der „hyperproduktive Autor“ (Thomas Lindemann) Dietmar Dath hat nach eigenem Bekunden „den Untergang des letzten Sozialismus mit Entsetzen erlebt und findet den nächsten Sozialismus täglich nötiger“.