Der Countdown läuft

Castor-Transport aus Neckarwestheim

Aus einem Flugblatt der Bürgerinitiative “Kein Atommüll in Ahaus”: Fragen, die uns oft gestellt werden – und unsere Antworten:

Die Bundesregierung hat mit den Energieversorgungsunternehmen (EVU) den Ausstieg aus der Atomenergie vereinbart. Warum sollen wir jetzt noch in Ahaus auf die Straße gehen, wenn ein neuer Castor kommt?

Der sogenannte “Ausstieg” bedeutet in Wirklichkeit keinen Fortschritt. Im Gegenteil, den Kraftwerken wird der langfristige Weiterbetrieb garantiert. Laufzeiten von mindestens 32 Jahren (effektiv sogar eher 34 – 35 Jahre) sichern den EVU noch Jahrzehnte lang Gewinne, für die Bevölkerung bleibt in dieser Zeit das Risiko eines SuperGAUs. Während die Regierung der Öffentlichkeit vorgaukelt, der Ausstieg sei geschafft, sehen die Betreiber dies ganz anders. Bayernwerk-Chef Otto Majewski machte sich zum Beispiel vor dem Wirtschaftsrat der Unionsparteien lustig über das “drollige Missverständnis” der Grünen, der “Atomkonsens” sei eine Ausstiegsvereinbarung!

Was bedeutet dies für die Atommüll-Problematik? Schon heute weiß niemand, wohin mit dem vorhandenen Atommüll. Ein Endlager existiert weltweit nirgends, die sogenannte “Zwischenlagerung” wird daher zu einer Dauerlagerung.

Aber ist nicht in absehbarer Zeit mit der Inbetriebnahme eines Endlagers zu rechnen?

Die Untersuchung des Salzstocks in Gorleben ist vorläufig gestoppt – zurecht, denn nahezu alle unabhängigen Fachleute halten ihn für ungeeignet. …

Der Umweltsachverständigenrat der Bundesregierung hat in seinem Gutachten vom März 2000 sehr deutlich gesagt, dass es nicht nur weltweit keine Lösung für die Endlagerung hochradioaktiven Mülls gibt. Nein, viel schlimmer: wahrscheinlich ist eine Lösung dieses Problems gar nicht möglich! …

Der Skandal ist, dass dieses Gutachten bei den Konsensgesprächen keinerlei Beachtung gefunden hat! Da hätte es nämlich keine Diskussion um jahr-zehntelange Restlaufzeiten mehr geben können, sondern nur noch eines: Die schnellstmögliche Stillegung aller AKW!

Warum richtet sich der Protest der Atomkraftgegner immer wieder gegen die Castor-Transporte? Müsste er sich nicht gegen den Betrieb der AKW wenden?

Die Zielsetzung der Proteste ist ja die Stillegung der AKW- auch weiterhin, und das heißt wesentlich schneller als jetzt beschlossen. Aber die Transporte sind ein besonders geeigneter Anlass für Aktionen: Denn durch sie wird vielen Menschen erst so richtig bewusst, dass ein AKW nicht nur Strom, sondern jede Menge hochaktiven Mülls produziert, für dessen Beseitigung es keine Lösung gibt.

Nun erklären aber Betreiber und Bundesregierung, dass die Transporte nach Ahaus unvermeidlich sind?

In technischer Hinsicht ist das völliger Unsinn. Der Atommüll, der nach Ahaus gebracht wird, wird nur hierher verschoben, aber nicht entsorgt. Er kann genauso gut (oder besser: genau so schlecht) am Standort der AKW verbleiben. Dies sieht doch auch die Bundesregierung so: Deshalb ist doch mit den EVU vereinbart worden, dass an den AKW Standort-Zwischenlager geschaffen werden. …

Wir sind in der Tat der Meinung, dass der Müll dort bleiben soll, wo er entsteht, nämlich am AKW. Das hat einmal den Vorteil, dass die überflüssigen und riskanten Transporte vermieden werden. Und wenn der Atommüll am AKW bleibt, wird auch an Ort und Stelle deutlich, dass bei der Erzeugung von Atomstrom Berge von hochaktivem Müll entstehen, für die es keine Möglichkeit der Beseitigung gibt. Allerdings: Wir fordern, dass mit der Produktion von Atommüll Schluss gemacht wird, und das unterscheidet uns von den Vorstellungen der Bundesregierung: Die von ihr geplanten Standortzwischenlager sollen den Atommüll, der in den nächsten 20 Jahren neu entsteht, aufnehmen. Dies wollen wir den Anwohnern an den AKW genauso wenig zumuten wie uns.

Sind … Castor-Transporte wirklich unzumutbar?

So robust die Behälter auch erscheinen: Wenn man bedenkt, dass sie mindestens 4 Jahrzehnte lang hochgefährliche Stoffe von der Umwelt abschließen sollen, ist ihnen nicht zu trauen. Und noch weniger ist den Betreibern der AKW und der Zwischenlager zu trauen, wie der Kontaminationsskandal von 1998 deutlich gemacht hat: Die unzulässigen Kontaminationen waren über 10 Jahre vorher bekannt, ohne dass Konsequenzen daraus gezogen wurden! …

Aber ist ein schwerer Unfall nicht höchst unwahrscheinlich?

Nicht wenn man die lange Lagerzeit von mindestens 40 Jahren berücksichtigt, die für jeden Behälter mindestens vorgesehen ist. Im übrigen muss man nicht mal an einen großen Unfall denken: Was allein in den wenigen Jahren, in denen Castor-Behälter jetzt in Ahaus stehen, passiert ist, reicht schon aus, um einem die Haare zu Berge stehen zu lassen. Zum Beispiel hat die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) Ende 1998 endlich eingeräumt …: Dass die Behälter bei der Beladung nicht hundertprozentig von Wasserresten befreit werden können. Dies führt langfristig zu Rostschäden und Undichtigkeiten. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat deshalb jetzt ein neues Beladeverfahren angeordnet. Und was passiert? In Biblis und Philippsburg versuchen die Betreiber seit Monaten, Castor-Behälter nach dem neuen Verfahren zu beladen und schaffen es nicht: Die Behälter sind nicht dicht zu verschließen! Trotzdem haben Biblis wie auch Philippsburg gültige Transportgenehmigungen nach Ahaus! Ist das kein Skandal?

Die Betreiber des AKW Neckarwestheim wollen einen Castor-Transport nach Ahaus schicken, die Bundesregierung hat offenbar nichts mehr dagegen … Welche Chance gibt es dann überhaupt noch, Castor-Transporte nach Ahaus zu unterbinden?

Ob Castor-Transporte stattfinden oder nicht, ist keine Frage der technischen Notwendigkeit. Es ist letztlich ein politische Entscheidung. Politiker gehen gewöhnlich den Weg des geringsten Widerstandes. Die Aktionen gegen den Castor-Transport 1998 haben deutlich gemacht: Auch nach Ahaus ist ein Transport nicht reibungslos durchzuführen, er erfordert einen enormen Aufwand an Geld und Personal, er kostet die verantwortlichen Politiker auch politischen Kredit. Die Folge: Es hat rund 3 Jahre lang keine weiteren Transporte gegeben, … die Überlegungen zu einem Verbleib des Mülls an den Kraftwerken selbst wurden intensiviert, die ganze Debatte über den Atomausstieg wäre ohne diese Aktionen nicht mit der Intensität geführt worden, wie es in den beiden letzten Jahren der Fall war. Wenn jetzt ein Transport geplant ist, dann offenkundig deshalb, weil Betreiber und politisch Verantwortliche mit weniger Widerstand in Ahaus rechnen als an den Reaktor-Standorten. Es liegt nun an den Menschen … deutlich zu machen, dass dies ein Irrtum ist. Wenn wir in den nächsten Jahren nicht in Atommüll ersticken wollen, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als uns wieder massenhaft quer zu stellen. …

SPW-Info Rheinland 11 / 2000