Selbstverständnisdiskussion

Abschied vom „Ende der Arbeiterklasse“?

Karstadt, Opel und VW sind nur die aktuellsten Beispiele für die Verschärfung der Klassenkämpfe in Deutschland. Doch während „von oben“ Druck gemacht wird und der Klassenkompromiss des „rheinischen Kapitalismus“ aufgekündigt ist, nehmen die arbeitenden Klassen diese Kampfansage weitgehend widerstandslos hin. Es braucht nicht einmal ein „objektives Gesamtinteresse“ (Abendroth) der arbeitenden Klassen an der Umformung einer durch Herrschaftsstrukturen bestimmten Klassengesellschaft in eine an der Gleichberechtigung aller Gesellschaftsmitglieder orientierten klassenlosen Gesellschaft unterstellt zu werden, um angesichts ihrer Lethargie verwundert zu sein. Reicht es nicht schon aus, zu unterstellen, dass ein massiver Angriffs auf das Niveau der eigenen Lebensführung heftige Proteste der Angegriffenen auslösen müsste? Was sind die Gründe für diese erstaunliche Passivität der arbeitenden Klassen?

Das „Sozialistische Forum Rheinland“ wird im kommenden Jahr dieser und anderen Fragen aus dem Bereich der (marxistischen) Klassentheorie nachgehen. Auf Veranstaltungen verschiedener Art wollen wir auch diskutieren, ob sich abzeichnet, dass die arbeitenden Klassen ihre Passivität überwinden und sich aktiv gegen die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen zur Wehr setzen, sich also als Arbeiterklasse formieren?

Dabei ist zu beachten, dass selbst die marxistische Tradition unterschiedliche Klassenbegriffe hervorgebracht hat. Angefangen bei Karl Marx selbst, in dessen Schriften man zwei Verwendungsweisen des Klassenbegriffs unterscheiden muss: das abstrakte Modell des „Kapital“ und die konkreten historischen Beschreibungen z.B. im „18. Brumaire des Louis Bonaparte“, bis zu aktuelleren Überlegungen u.a. von Erik Olin Wright, Michael Vester oder Max Koch.

Während über Jahre hinweg landauf, landab die gleichen Parolen zu hören waren: die Arbeiterklasse sei verschwunden, man lebe in einer Gesellschaft „jenseits von Klasse und Schicht“, die ehemaligen Arbeiter seinen „verbürgerlicht“, stößt man mittlerweile immer öfter auf politische und soziologische Untersuchungen, die sich erkenntnisreich und gewinnbringend mit den bereits Totgesagten beschäftigen. Und siehe da: Sie sind lebendiger als gedacht!

Mit zwei dieser Arbeiten wollen wir uns beschäftigen (und vielleicht gelingt es uns ja auch, die Autoren nach Köln zu locken):

  • Ben Dittrich: Klassenformierung im Postfordismus. Geschlecht, Arbeit, Rassismus, Marginalisierung, Unrast Verlag, 1999
  • Lars Kohlmorgen: Regulation, Klasse, Geschlecht. Die Konstitution der Sozialstruktur im Fordismus und Postfordismus, Westfälisches Dampfboot, 2004

Genauere Infos gibt es bei Hans Günter Bell, Tel. 0221-88 52 99 / guenter.bell@koeln.de

SoFoR-Info 27 / 2004