Umweltgerechtigkeit

von MARCO HENNIGS

Wenn man im internationalen Maßstab an Umweltbelastungen und Umweltkatastrophen denkt ist sofort klar, dass es unterschiedlich stark betroffene Regionen auf der Erde gibt. Es fallen einem die Smog-geplagten Städte in Südamerika ein, die vielen von den Stürmen und Überschwemmungen zerstörten Inseln und Küstengebiete der Karibik und Asiens oder von Dürre betroffenen Gebiete Afrikas ein. Dabei verbinden wir meist mit den Belastungen und Katastrophen auch das Schicksal jener Menschen, die in diesen Gebieten leben.

Doch auch in Europa gibt es eine ähnliche Problematik: Durch Umweltbelastungen, Umweltkatastrophen aber auch durch umweltpolitische Maßnahmen zum Schutz der Umwelt und des Klimas werden Menschen unterschiedlich stark betroffen. Im Vergleich mit den globalen Problemen treten ähnliche Ungerechtigkeiten in Bezug auf Umweltphänomene auf: BewohnerInnen der Küstenregionen und großer Flüsse haben mit Sturmfluten und Überschwemmungen zu kämpfen, in Städten mit hoher Industriedichte sind die Emissionen der Fabriken zu spüren und in höheren Lagen können schwere Schneefälle zu Problemen führen. Dies ist jedoch nur ein Teil der Problematik, die zwar nicht zu unterschätzen ist, jedoch durch ihre Offensichtlichkeit (zumeist) auch erkannt und thematisiert wird.

Schwieriger wird die Situation, wenn die Belastungen der Menschen nicht (nur) mit ihrem Wohnort, sondern auch mit ihrem sozialen Status korrelieren. Auch hierzu gibt es erkennbare Unterschiede: Gutsituierte Menschen können sich nach einem Sturm das Eindecken des Daches oder den Kauf eines neuen Autos finanzieren – für Menschen ohne finanzielle Mittel ist dies nicht ohne weiteres möglich. Ökologische Gerechtigkeit oder Umweltgerechtigkeit bezieht sich auf die Zusammenhänge zwischen Umweltbelastungen (und Maßnahmen des Umweltschutzes) und der sozialen Gerechtigkeit bzw. den Auswirkungen auf verschiedene Gruppen von Menschen.

Entstehung

Die Auswirkungen von Umweltbelastungen und auch Maßnahmen zur Verringerung dieser haben immer auch einen Bezug auf die Lebenssituation der Betroffenen. Der Ausgangspunkt für diese Art der Betrachtung waren durch Umweltbelastungen hervorgerufene Fälle von verstärkter sozialer Benachteiligungen in den USA. Dies stand in den USA besonders im Zusammenhang mit der Hautfarbe der Betroffenen (“black, brown, red, poor, and poisoned” [1]) und wurde auch als „Umweltrassismus“ („environmental racism“) [1] bezeichnet. Während diese Diskussion in anderen Staaten z.T. schon Jahrzehnte geführt wird, findet sie in Deutschland meist weniger Aufmerksamkeit. Hier wird vor allem die Frage der globalen Ungerechtigkeit (Nord-Süd-Res-sourcengerechtigkeit) und Frage der (ökologischen) Generationengerechtigkeit diskutiert [2]. Wenngleich davon auszugehen ist, dass sowohl die Umweltbelastungen als auch die Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten in Deutschland ein weit geringeres Maß als in vielen anderen Teilen der Erde aufweisen, so sollten ihre Folgen auf die Gesundheit und die soziale Lage der Betroffenen dennoch nicht unterschätzt oder gar ignoriert werden.

Dimensionen Ökologischer Gerechtigkeit

Die Idee der Ökologischen Gerechtigkeit versucht Dr. Anton Leist, Professor für Ethik an der Univ. Zürich, mit folgendem Prinzip zu fassen: „Ökologische Gerechtigkeit herrscht in einer Gesellschaft aktuell und längerfristig dann, wenn alle ökologisch relevanten Güter und Lasten, Freiheiten und Pflichten aktuell und längerfristig gerecht unter den Beteiligten verteilt sind.“ [3] Zugleich stellt er aber fest, dass mit dieser Aussage gewisse Einwände und Fragen auftauchen (bspw.: Um welche Güter und Lasten handelt es sich genau? Welche Konflikte treten bei der Verteilung auf?) Letztlich kommt er zu dem Schluss, dass es seiner Meinung nach drei Typen von Gütern zu unterscheiden seien und präzisiert das Prinzip zu: „Ein gesellschaftlicher Zustand ist ökologisch gerecht, wenn

  • jeder dieselben Chancen hat knappe Umweltressourcen zu erhalten (ökologische Chancengleichheit)
  • die moralisch begründeten Rechte hinsichtlich kritischer Güter (gesunde Umwelt) erfüllt sind (ökologische Menschenrechte)
  • die Gestaltung der Umwelt den ökologisch-ästhetischen Standards der Gemeinschaft entspricht (ökologische Gestaltungsrechte).“

Problemfelder

Während der Punkt der ökologischen Gestaltungsrechte als Ursache von Umweltbelastungen infrage kommt,  stehen insbesondere die Punkte der ökologischen Menschenrechte und der ökologischen Chancengleichheit im Zusammenhang mit der Wirkung von Umweltbelastungen auf die Menschen und deren Zugang zur Ressource „Natur“.

Als einfachstes zu erkennendes Problemfeld der Auswirkungen auf die Menschen ist der Bereich der Gesundheit zu identifizieren. Dabei sind die auf Umweltbelastungen zurückzuführenden Erkrankungen in Deutschland ungleich verteilt [2]. Zurückzuführen ist dies auf die o.g. zwei „Dimensionen“ der Ungerechtigkeit: Zum einen durch die unterschiedliche Immission von Umweltbelastungen (Schadstoffe, Lärm etc.), zum anderen durch die ungleichen Möglichkeiten der Bewältigung von Umweltbelastungen bzw. der Teilhabe an „sauberer Natur“.

So wohnen sozial schlechter gestellte Menschen bspw. öfter an verkehrsreichen Straßen oder in der Nähe von Industriegebieten die mit Abgasen und Schadstoffen belastet sind, haben aber oftmals weniger Zugang zu Erholungsgebieten oder Grünflächen weil diese in ihrem Wohngebiet fehlen. Dazu kommt z.B. auch noch das Arbeitsumfeld, das viele Menschen aus den unteren Schichten trotz Arbeitsschutzmaßnahmen stärkeren Belastungen aussetzt als dies bei Menschen mit gehobenen „Bürojobs“ der Fall ist. Die durch finanzielle Schranken begrenzte Art der Ernährung und auch die weiterhin existierende Ungerechtigkeiten im Gesundheitssystem sorgen schlußendlich dafür, dass die häufigeren Erkrankungen dieser Menschen im Zweifel auch noch schneller fortschreiten bzw. schlechter therapiert werden.

Neben den Schäden und Ungerechtigkeiten, die Auswirkungen auf die gesundheitliche Lage der Betroffenen haben, gibt es noch weitere Benachteiligungen die sich im Leben der Betroffenen manifestieren. Sie lassen sich in materielle und immaterielle Schäden klassifizieren und gehen meist darauf zurück, dass sozial schwächere Menschen weniger Geld zur Verfügung haben um entweder Ressourcen zu Nutzen oder Belastungen auszuweichen. So ist es ihnen nur erschwert Möglich höhere Preise für Benzin, Strom oder Gas zu zahlen, sie haben weniger Möglichkeiten den Belastungen durch den Kauf von moderneren Geräten und Fahrzeugen zu entgehen und letztlich kann dadurch auch ihre Lebensweise oder ihr soziales Umfeld eingeschränkt werden, weil ihre Mobilität beschränkt wird.

Ursachen

Während die zurzeit heiß diskutierten Verteuerungen bei Lebensmitteln und Energie auf eine Preispolitik der AnbieterInnen zurückzuführen ist, stehen für eine politische Betrachtung die Auswirkungen von umweltpolitischen Maßnahmen besonders im Fokus. Wann immer eine umweltpolitische Entscheidung getroffen wird, die für die Menschen auch finanzielle Auswirkungen hat, sollte also genau überprüft werden welche Gruppe von Menschen besonders betroffen sein wird. Während man annehmen kann, dass bei einer Luxus-Steuer für die – Neudeutsch gern als SUVs bezeichneten – nobel Geländewagen überwiegend wohlhabende Menschen belastet würden, ist zu befürchten, dass das neuerliche Fahrverbot in Innenstädten für PKW ohne Umweltplakette besonders die Menschen trifft die sich kein neues, umweltverträglicheres Fahrzeug kaufen können. (Damit an diesem Punkt keine Missverständnisse auftreten: Die Reduzierung von Emissionen ist eine wichtige Aufgabe die letztendlich in ihrer Auswirkung auf die Reduzierung der Emissionen auch den sozial Schwächeren zugute kommt.)

Als weiteres Beispiel sei ein politisch gewollt höherer Strompreis genannt, der zum Neukauf von energieeffizienteren Geräten „animieren“ soll. Auch hier können viele Menschen den einmaligen Anschaffungspreis nicht aufbringen und haben so über Jahre höhere Energiekosten.

Eine weitere Ursache ist eine ungleiche „Umweltsanierung“: Während viele „Problemviertel“ dringend auf Sanierungen von Grünflächen, Spielplätzen o.ä. warten müssen, wird in den „Vorzeigevierteln“ der Städte Wert darauf gelegt, dass sie in gutem Zustand sind und einen hohen Erholungswert bieten. Gleiches lässt sich vielfach bei Lärmschutzmaßnahmen an Straßen, Schienenwegen am Arbeitsplatz und im Wohnraum beobachten.

Das Prinzip „Ursache – Wirkung“ bzw. die Feststellung der VerursacherInnen von Umweltbelastungen werden leider immer komplizierter. Die jüngst erschienene Studie über die Häufung von Leukämie bei Kleinkindern im Umfeld von Atomkraftwerken zeigt einen traurigen aber eindeutigen Zusammenhang zwischen Verursachern und Geschädigten auf. Bei der Frage der Klimaerwärmung und deren Folgen ist dies schon um Längen komplizierter. Wer oder was genau die Klimaerwärmung verursacht hat ist nicht einfach zu ermitteln und auch ihre Auswirkungen sind bislang nicht einfach zu erfassen. Dennoch scheint die These, dass wohlhabende Menschen aufgrund ihrer finanziellen Mittel leichter den Risiken entgehen können, ihre Richtigkeit zu behalten.

Doch nicht nur allein der soziale Status definiert die Art und das Ausmaß von umweltbezogener (Un-)Gerechtigkeit. Durch die zunehmend individueller gestalteten Lebensformen der Menschen werden Risiken und Ungerechtigkeiten auch innerhalb von sozialen Gruppen ungleichmäßig verteilt. So entstehen sowohl vertikal als auch horizontal Unterschiede in den Auswirkungen der Belastungen auf die Menschen. Selbst umweltbewusste Menschen aus höheren sozialen Schichten müssen so die Belastungen derjenigen Mensche ihres Status’ ertragen, die ihre Möglichkeiten zur Einsparung bewusst nicht erfüllen.

Ausblick

Der zunehmende Verbrauch unserer Ressourcen mit der Konsequenz der steigenden Belastung der Umwelt führt für alle Menschen zu einer Einschränkung der Nutzungsmöglichkeiten der Natur. Gerade wenn sich die Umweltprobleme verschärfen werden sich auch für viele Menschen die Ungerechtigkeiten stärker manifestieren und sie zwingen sich in Teilen ihres Lebens einzuschränken bzw. mit den Folgen der Umweltbelastungen zu leben. Daher bedarf es einer breiteren Thematisierung und Ausweitung der Forschung im Bereich der Ökologischen Gerechtigkeit.

Gerade wegen der starken Zusammenhänge zwischen Sozialer und Ökologischer Gerechtigkeit sind insbesondere (wir) Linke gefordert Probleme zu erkennen, Lösungsstrategien zu entwickeln und ihre Umsetzung voranzutreiben.

 

[1] Dr. Werner Maschewsky, http://www.umweltgerechtigkeit.de

[2] Julia Schlüns, Umweltbezogene Gerechtigkeit in Deutschland, APuZ 24/2007

[3] Dr. Anton Leist, Ökologische Nachhaltigkeit als bessere Gerechtigkeit, APuZ 24/2007

SoFoR-Info 39 / 2008