Eine Schule für Alle! Aber wie?

von Alex Recht

Äußere und innere Schulreform

Die Selektion ab fünfter Klasse in Gymnasium, Real-, Haupt- und Gesamtschule – so belegen es alle Studien – reduziert die vorhandenen Ungleichheiten im Sozialgefüge nicht nur nicht, sondern vertieft sie sogar noch. Das von Linken geforderte Modell einer integrierten Schule für alle hingegen fördert langes gemeinsames Lernen aller Schüler, die Integration von Behinderten, beinhaltet die Ausweitung von Ganztagesangeboten und führt zu mehr Chancengleichheit.

Gleichwohl bleiben Fragen der inneren Schulreform offen: Sollen Lerngruppen heterogen sein, was eine schwierige Binnendifferenzierung erfordert, oder homogen, so dass die Differenzierung leichter, nämlich durch die Klasseneinteilung erfolgt – jedoch mit der Gefahr einer Vergrößerung von Leistungsunterschieden? Oder: Sollen Schüler in dynamischen Gesellschaften, in denen Wissen schnell veraltet, eher allgemeine, länger anhaltende Kompetenzen erwerben? Oder sollen Schulen mit Blick auf den hohen gesellschaftlichen Grad an Arbeitsteilung Spezialisierungsangebote bereitstellen? Wenn ja – wann und wie?

Zum Leistungsbegriff

Oder die Frage der Leistung: Zu Recht wendet sich die Linke gegen eine inhumane Leistungskultur, die mit Druck operiert und Lernende nach Noten selektiert. Auch die Formel „Leistung soll sich wieder lohnen“ ist zurückzuweisen. Einkommensunterschiede sind im Kapitalismus nicht primär leistungsbedingt; selbst eine Bildung, die die Leistung aller erhöhte, würde die kapitalistischen Spaltungstendenzen nur begrenzt reduzieren. Überdies sind Bildungschancen und die ökonomischen Ausgangspositionen ungleich verteilt. Über die Leistungsentwicklung entscheidet in viel zu vielen Fällen der soziale oder auch ethnische Hintergrund. Schülern aus bildungsfernen Milieus sind notwendige Ressourcen im selektiven Bildungssystem oftmals gar nicht zugänglich. Fehlende Förderung bei Kindern mit Migrationshintergrund etwa bremst deren Entwicklung und führt sie in Lernmilieus, in denen sie nach unten korrigiert werden.

Leistung ist vielfältig und umfasst neben fachlichen auch soziale, personale und methodische Kompetenzen. Bildung muss alle den Schülern innewohnenden Potenziale fördern und Kritikfähigkeit stärken. Umgekehrt gilt aber auch: Fachkompetenz zu fördern bleibt notwendig. Sie ist zwar keine hinreichende, aber eine notwendige Voraussetzung zur Beteiligung am Produktionsprozess und fördert individuelles Selbstvertrauen und soziale Anerkennung. Zu klären ist also: Welcher Rang kommt den verschiedenen Kompetenzen zu? Welche Rolle spielt Anleitung, welche Freiheitsgrade sollten Schüler zugewiesen werden? Soll Unterricht fachbezogen oder fächerübergreifend und epochalisierend stattfinden? Soll die gesellschaftlich äußerst konfliktreiche Auseinandersetzung mit den Befürwortern des konservativen viergliedrigen Schulsystems erfolgreich bestritten werden, ist es Zeit, sich den skizzierten Fragen zuzuwenden.

SoFoR-Info 45 / 2010