SoFoR-Info 67: Rezension von Andreas Nölkes Buch „Exportismus“

Von Dr. Michael Schwan, Dozent an der Uni Köln und SoFoR-Mitglied

In seinem vor Kurzem erschienenen Buch „Exportismus“ seziert Andreas Nölke, Professor an der Universität Frankfurt, das einseitige und extrem exportlastige deutsche Kapitalismusmodell der Gegenwart und empfiehlt dem Patienten zugleich einen „kalten Entzug“, um auf einen ausbalancierten und nachhaltigen Wachstumspfad zu kommen, der die breite Mehrheit der Bevölkerung miteinschließt. Grundpfeiler eines solchen Wechsels müssen etwa die Erhöhung von Löhnen und Staatsausgaben für Konsum und Investitionen sein sowie eine deutlich stärkere Besteuerung von Vermögen und Spitzeneinkommen.

In vielerlei Hinsicht ist das Buch ein wichtiger, rechtzeitiger und besonders verständlicher Beitrag, der nicht nur hilft, den „Exportweltmeister made in Germany“ besser zu verstehen, sondern Akteur*innen linker Politik auch wissenschaftlich unterfütterte Argumentationshilfen für die zu erwartenden wirtschafts- und verteilungspolitischen Auseinandersetzungen an die Hand gibt.

Das Buch beginnt mit einer Bestandsaufnahme der deutschen Wirtschaft in der gegenwärtigen Coronakrise. Obwohl die Bundesrepublik Frühjahr und Sommer 2020 zunächst noch relativ glimpflich durch die erste Phase der Pandemie kam, musste die Bundesregierung mit einem rekordverdächtigen Konjunkturprogramm gegen den wirtschaftlichen Abschwung gegensteuern. Dies habe auch damit zu tun, so Nölke, dass Deutschland aufgrund seiner einseitigen Exportorientierung viel stärker vom Zusammenbruch von Lieferketten und ausländischer Nachfrage getroffen wurde als andere Volkswirtschaften.

Im nächsten Schritt wendet sich „Exportismus“ dann der internationalen Dimension zu und beschreibt detailliert den weltökonomischen Kontext samt der Einbindung der deutschen Ökonomie. Der überproportional aufgeblähte Exportsektor führt zu einer einseitigen Abhängigkeit und zunehmenden Anfälligkeiten in einem Umfeld, das durch den Brexit, eine Umorientierung Chinas zu einer stärker binnenzentrierten und technologieintensiveren Wirtschaftsweise, die neue Politik der USA und eine zunehmende Kritik an der deutschen Dominanz in Süd- und Osteuropa geprägt ist.

In der Folge widmet Nölke sich innenpolitischen und binnenökonomischen Voraussetzungen des exportgetriebenen deutschen Wachstumsmodells. Dabei benennt „Exportismus“ trennscharf Gewinner*innen und Verlier*innen und skizziert die Entstehungsweise und Verfestigung dieser spezifischen Kapitalismusvariante deutscher Prägung. Selektiv sind hierbei u.a. das deutsche System der Lohnkoordinierung, die besondere Ausgestaltung der Eurozone, der ausufernde Niedriglohnsektor, die anhaltende Tarifschwäche sowie der fragmentierte, liberalisierte Wohlfahrtsstaat zu nennen.
Während die politische Linke weiterhin über den richtigen Kurs zwischen Stadt und Land, Alt und Jung, Bewegung und Parlament oder Klasse und Identität streitet, liefert Andreas Nölke ein ABC des deutschen Wirtschaftssystems der Gegenwart. Dem Autor gelingt es wunderbar, auch komplexere makroökonomische Zusammenhänge anschaulich darzustellen.

Das Buch liefert gerade jenen Zugang, der der politischen Linken oft abhandengekommen zu sein scheint: einen exzellent informierten, in seiner Stoß- und Denkrichtung klaren und verständlich formulierten Reformkeynesianismus, der fortschrittliche Positionen in konkreten wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen mit dem nötigen Rüstzeug ausstattet.


Hier befindet sich die pdf-Datei des SoFoR-Infos 67 / 2021.

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