Kommt der Frauenbewegung ihr Subjekt abhanden?

Ref.: Antonia Freytag (Köln), August 2001

Seit den neunziger Jahren wird kaum mehr von Frauen-, sondern vielmehr von Geschlechterpolitik gesprochen. Um die Bedeutung von Geschlecht und Geschlechterrollen wurden harte Kontroversen geführt. Was aber steht dahinter? Welches sind die heute zentralen Positionen? Welche Konsequenzen hat das gewandelte Verständnis von Geschlecht für die aktuelle Geschlechterpolitik? Und: Bedeutet die Dekonstruktion des Geschlechts das Aus für die Frauenbewegung?

Natürliche Verschiedenheit der Geschlechter

In allen Kulturen und zu allen Zeiten gab es Vorstellungen über die Unterschiede der Geschlechter. In Westeuropa dominierte über Jahrhunderte die Idee von einer natürlichen, biologischen Verschiedenheit. Noch bis ins 18. Jahrhundert folgte die herrschende Meinung Aristoteles, der schrieb: „Das Weib ist Weib durch das Fehlen gewisser Eigenschaften. Wir müssen das Wesen der Frauen als etwas betrachten, was an einer natürlichen Unvollkommenheit leidet.“ (Beauvoir, 1951, S.10,16). Auch die aufgeklärte, bürgerliche Romantik begriff die Frau als das vom Mann abweichende, ihn ergänzende Prinzip. Mit den entstehenden Wissenschaften erhob die Annahme der naturgegebenen Verschiedenheit und der gegenseitigen Ergänzung der Geschlechter erstmalig wissenschaftlichen Anspruch. Der Rückgriff auf die Natur war die neuzeitliche Variante der Begründung und Legitimation der Geschlechterungleichheit, reichte doch zuvor der Hinweis auf göttliche Bestimmung und christliche Ordnung, der zufolge die Frau dem Mann zu dienen habe. Auch die für die Gleichheit der Geschlechter kämpfende erste Frauenbewegung im 19. Jahrhundert ging noch von einer biologischen, natürlichen Verschiedenheit der Geschlechter aus, so daß Mann und Frau nicht gleich, aber gleichwertig definiert wurden.

Dieser Ansatz wurde im 20. Jahrhundert weiterentwickelt zur essentialistischen Interpretation von Natur und Körper. Seit der Studierendenbewegung der späten sechziger Jahre lebt die Wahrnehmung des Weiblichen als anders, z.T. sogar als dem Männlichen überlegen auf. Die amerikanische Feministin Mary Daly geht z.B. von einer anderen, weiblichen Welt aus, die sich grundsätzlich (positiv) vom Patriarchat unterscheide. Sie setzt dabei Patriarchat und Männer gleich, sieht Männer qua Geschlecht als gewalttätig, mörderisch und machthungrig an, während Frauen moralisch überlegen seien. Damit folgt sie einem eindeutig biologischen Ansatz der Geschlechterdefinition. Auch die französische Psychologin Luce Irigaray folgt der biologischen Definition und plädiert sogar für die Verstärkung des Geschlechtsunterschiedes und die Entwicklung einer eigenen weiblichen Ökonomie, Religion, Genealogie und Sprache sowie für eine symbolische Ordnung, in der auch die geschlechtliche Identität repräsentiert werden kann. Ihr Ziel ist die gegenseitige Anerkennung der spezifisch weiblichen und männlichen Identität.

Ebenso plädieren die italienischen Feministinnen des „affidamento“, das „Vertrauen“ oder auch „Anvertrauen“ meint, für eine Politik der Differenz, damit Frauen ein neues Selbstbewußtsein und aktive Solidarität entwickeln und erleben können. Voraussetzung ist nach diesem Ansatz v.a. die Vielfalt der Frauen untereinander. Eine zentrale Rolle kommt hier der Entwicklung von Beziehungen zwischen Frauen zu, die jedoch nicht autoritär, sondern schwesterlich gestaltet sein sollen. Die Anerkennung der Unterschiede zwischen einzelnen Frauen bildet die Grundlage für die Akzeptanz der Geschlechtsunterschiede.

In der Politik führt der biologische Ansatz beispielsweise zur Entwicklung von Parteien wie der Feministischen Partei DIE FRAUEN, die explizit die Auffassung vertreten, Frauen würden eine bessere Politik gestalten als Männer. Auch die Grünen erwarteten von mehr Mütterlichkeit positive Veränderungen der Gesellschaft. So erschien 1986 im Kontext eines grünen Frauenkongresses das „Müttermanifest“, mit dem auch in der Linken Politik mit mehr Mütterlichkeit, im Sinne von mehr Naturnähe und Emotionalität, verknüpft werden sollte.

Geschlechterdifferenz: sex und gender

Simone de Beauvoir beschreibt zu Beginn ihres erfolgreichen Buches „Das andere Geschlecht“ von 1949, daß die Frau bislang aus dem männlichen Blickwinkel definiert wurde: „Jedenfalls ist sie nichts anderes, als was der Mann befindet; so spricht man auch von ihr als vom ´anderen Geschlecht´, worin sich ausdrückt, daß sie dem Mann in erster Linie als Sexualwesen erscheint: da sie es für ihn ist, ist sie es ein für allemal. Sie wird bestimmt und unterschieden mit Bezug auf den Mann, dieser aber nicht mit Bezug auf sie; sie ist das Unwesentliche angesichts des Wesentlichen. Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: sie ist das Andere.“ (Beauvoir, 1951, S.11). Nach Beauvoir ist die Teilung der Geschlechter grundsätzlich etwas biologisch Gegebenes, aber diese natürlichen Voraussetzungen genügen nicht zur Erklärung von Hierarchie und Ungleichheit. Der biologische Unterschied allein verursacht noch nicht die untergeordnete Stellung der Frau. Entscheidend ist, daß beim Menschen, im Gegensatz zum Tier, neben die biologischen Voraussetzungen eine historische Wirklichkeit tritt. Mit dieser formuliert Beauvoir einen zweiten Bestimmungsfaktor von Geschlecht neben der Biologie. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und besonders die Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen werden als Ergebnis der Geschichte statt als Effekt natürlicher Unterschiede begriffen. Geschlechtsspezifische Sozialisation ist somit grundsätzlich veränderbar.

Auch die amerikanische Historikerin Gerda Lerner nimmt diese Unterscheidung zwischen dem biologischen und historischen oder sozialen Geschlecht vor. Sie sieht in dem sozialen Geschlecht die geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen an Frauen und Männer, die kulturell und historisch bedingt sind. Die englische Sprache bietet – im Vergleich zur deutschen – eine präzisere Differenzierung von Geschlecht an mit gender als sozialem und sex als biologischem Geschlecht, so daß diese Begrifflichkeit in die feministische Theorie übernommen wurde. Die Unterscheidung zwischen sex und gender, wie sie gegenwärtig auch in Deutschland diskutiert wird, ist in den USA in den siebziger Jahren im Kontext der feministischen Bewegung wissenschaftsfähig geworden. Sex wird demnach determiniert durch Anatomie, Morphologie, Physiologie und Hormone, während gender den erworbenen Status meint, sozial und kulturell geprägte Geschlechtscharaktere, die durch Sozialisationsprozesse angeeignet werden. Sandra Harding beschreibt das Geschlecht als gesellschaftliches Konstrukt, durch das in verschiedenen Differenzierungen soziale Geschlechtsidentitäten entstehen. Dieser Ansatz wurde als konstruktivistische Interpretation in der Kontroverse um die Rolle von sex und gender bezeichnet. Die Bestimmung des Geschlechts als Ergebnis der Sozialisation rückte in den Mittelpunkt des feministischen Denkens. Viel diskutiert wurde jedoch die Frage, wieviel im einzelnen durch die biologische Fixierung festgelegt ist und wo genau die Sozialisation beginnt.

Im deutschen feministischen Diskurs waren es zunächst v.a. die Arbeiten von Carol Hagemann-White, die den Ansatz der „social construction of gender“ rezipierten und kritisierten. Vor allem wies die Autorin darauf hin, daß sich die Theorien der geschlechtsspezifischen Sozialisation „ebensowenig wie das Alltagsbewußtsein von dem Schein der Natürlichkeit unserer Geschlechterverhältnisse lösen [..] können“ (Hagemann-White, 1988, S.230). Im Gegenteil, gerade die Unterscheidung zwischen einem biologischen und einem sozialen Geschlecht ist, so Hagemann-White, im Kern biologistisch, denn ein Teil der Geschlechtszuordnung wird als „Natur“ festgeschrieben, „um davon die bloß anerzogenen Eigenschaften und Erwartungen trennen zu können“ (ebd.). Die sex/gender-Trennung, die der Abwehr biologistischer Positionen dienen sollte, bleibt bei der Annahme, daß es jenseits der Kultur doch noch eine Natur der Geschlechter gibt, so daß der strategische Sinn begrenzt bleibt. Für den Nachweis der Unterdrückung von Frauen werden außerdem unzulässige Verallgemeinerungen vorgenommen, die der Vielfalt von Frauenleben so nicht gerecht werden können.

Dekonstruktion des Geschlechts

In den neunziger Jahren erreichte der amerikanische Gender-Diskurs schließlich auch Deutschland. Wahrgenommen wurde hier besonders der Ansatz der Philosophin Judith Butler, die in ihrem 1990 erschienen Buch „Gender Trouble“ die These vertrat, nicht nur das soziale Geschlecht gender, sondern auch das biologische Geschlecht sex sei kulturell, also gesellschaftlich konstruiert.

Geschlechtlichkeit ist nach Butler weder anatomisch noch biologisch vorgegeben. Geschlecht kann als offene Kategorie, als zu bestimmende und gestaltende Welt begriffen werden. Mit der Dekonstruktion der meist heterosexuell bestimmten Zweigeschlechtlichkeit (z.B. in der Transsexualität, der Bi- und Homosexualität) wird das Geschlecht eine jeweils neu zu verhandelnde und zu entwerfende Identität. Die Klassifizierungen werden, so auch Helga Ostendorf, von den Beteiligten selbst hervorgebracht und sind nicht natürlich vorgegeben (Ostendorf, 1999, S.153).

Geschlecht und Geschlechtsidentität betrachtet Butler als Effekte von Machtverhältnissen, als Normen und Zwänge und damit als politische Kategorie. Zugleich werden essentialistische Ansätze, die von einer natürlichen Verschiedenheit der Geschlechter ausgehen, als biologistisch und damit antifeministisch und anachronistisch abqualifiziert.

Die Amerikanerin Judith Lorber zeigt, daß es in manchen Gesellschaft drei Geschlechter gibt, z.B. Männer, Frauen und Berdachen oder Hijras oder Xaniths. Letztere sind „biologische Männer, die sich als soziale Frauen verhalten und kleiden, als Frauen arbeiten und in fast jeder Hinsicht als Frauen behandelt werden; sie sind daher keine Männer, aber auch keine weiblichen Frauen; sie sind, in unserer Sprache, ´männliche Frauen´.“ Lorber weiter: „Bestimmte afrikanische und indianische Gesellschaften haben einen gender-Status, der Frauen mit Männerherz heißt – biologische Frauen, die als Männer arbeiten, heiraten und Eltern sind; ihr sozialer Status ist ´weibliche Männer´ [..]. Um die sozialen Pflichten und Vorrechte von Ehemännern und Vätern zu haben, müssen sie sich nicht wie Männer verhalten oder kleiden; was sie zu Männern macht, ist genügend Reichtum, um sich eine Ehefrau zu kaufen.“ (Lorber, 1999, S.60-61). In einigen Kulturen können Menschen im Laufe ihres Lebens ihr Geschlecht wechseln, ohne dies mit einem Irrtum bei der ersten Zuweisung begründen zu müssen. Auch Candace West und Don Zimmerman weisen auf „cross-genders“ und Gesellschaften mit mehr als zwei Geschlechtern hin. In westlichen Industriegesellschaften hingegen müssen Intersexuelle und Hermaphroditen sich bald nach der Geburt Operationen unterziehen, um entweder dem Bild der Frau oder dem des Mannes zu entsprechen.

Nach Lorber begrenzt der soziale Rahmen gender die zahlreichen potentiellen Möglichkeiten von Geschlecht, die sich aus verschiedensten Kombinationen von Genitalien, Hormonen, Körperformen, Kleidung, Verhalten, Sexualität und Rollen entwickeln können. Demnach entstehen „vergeschlechtliche Menschen [..] nicht aufgrund einer Physiologie oder einer sexuellen Orientierung, sondern aufgrund der Erfordernisse der sozialen Ordnung, zumeist aufgrund der Notwendigkeit einer verläßlichen Arbeitsteilung bei der Nahrungsproduktion und der sozialen (nicht physischen) Reproduktion neuer Mitglieder.“ (Lorber, 1999, S.82). Von den biologischen Grundlagen ausgehend, unterscheiden nicht Menstruation, Milchbildung und Schwangerschaft Frauen von Männern, denn nur einige Frauen sind schwanger, manche Frauen haben keine Gebärmutter oder keine Eierstöcke. Bei einigen Männern kommt es zur Milchbildung und nicht alle Männer produzieren Sperma. Weiterhin Judith Lorber folgend, nimmt die Biologie keine so strenge Trennung in zwei Geschlechter vor wie das Alltagsverständnis. Die Geschlechter (sex) werden verstanden „als Kontinuum, bestehend aus dem genetischen Geschlecht, dem Keimdrüsengeschlecht und dem Hormongeschlecht´, [..] wobei die einzelnen Kriterien, die zur Geschlechtsbestimmung herangezogen werden, weder notwendig kongruent sein müssen noch als unabhängig von der Umwelt aufgefasst werden können.“ (Lorber/Farell, 1991, S.7). Es stellt sich die Frage, wer entscheidet, bei welcher Konstellation von Anatomie, Hormonen und Chromosomen welches Geschlecht zu bestimmen ist. Gesellschaftliche Verabredungen, überlieferte und nicht hinterfragte Normen sind hier von zentraler Bedeutung. Die Biologie löst nicht ein, was Sozialwissenschaften und Alltagsverständnis voraussetzen oder wie Hagemann-White es formulierte: „Es gibt keine zufriedenstellende humanbiologische Definition der Geschlechterzugehörigkeit, die die Postulate der Alltagstheorien einlösen würde.“ (Hagemann-White, 1988, S.228).

Öffnung der feministischen Theorie

Hintergrund des dekonstruktivistischen Ansatzes ist die Öffnung der feministischen Theorie für die Verschiedenheit der Frauen untereinander. So wurde nun darauf aufmerksam gemacht, daß die bloße Zugehörigkeit zur Genus-Gruppe ´Frauen´ weder mit gleichen Erfahrungen noch mit identischen Problemlagen verbunden sein muß. Kritisiert wurden alle Identitätsunterstellungen, auch die des Geschlechts, da auch sie vorrangig zur Unterscheidung und Zuweisung von sozialem Status, von Rechten und Pflichten dient und somit Teil eines hierarchischen Schichtungssystems ist.

Die Polarisierung zwischen essentialistischen und dekonstruktivistischen Ansätzen führte zu harten Auseinandersetzungen. Holland-Cunz versucht dem eine Mittelposition gegenüberzusetzen, die der Bestimmung von Geschlecht eher gerecht werden soll. Bei der Frage, inwiefern sex biologisch bestimmt oder sozial konstruiert ist, betrachtet sie weniger die äußeren Organe als vielmehr „die unwillkürlichen und unsichtbaren Körperprozesse, die“, so die Autorin, „allerdings ebenfalls unzweifelhaft geschlechtlich different sind.“ Sie spricht von einer „materiellen Eigenlogik“, der diese Prozesse unterliegen, und verbindet damit „biologisches Potential und gesellschaftlichen Prozeß“. Sie versteht sex somit als „historisch gewordene, materiale, gleichwohl eigenlogische menschliche Körperlichkeit“, die mehreren Bestimmungsfaktoren unterliege (Holland-Cunz, 1999, S.20-21). Auch Renate Niekant argumentiert, daß das „Erleben körperlicher Verletzlichkeit und Empfindlichkeit, natürlicher Grenzen des eigenen wie des ökologischen Lebens überhaupt, das Erleben sexueller Gefühle als eines körperlichen Verlangens, das Erleben von Schwangerschaft und Geburt als spezifisch weiblicher Erfahrung (zumindest einer Reihe von Frauen) [..] als spürbare, nicht zu leugnende Materialität, als Bedingtheit zweigeschlechtlicher menschlicher Körper und der Natur betrachtet [wird].“ (Niekant, 1999, S.37).

Geschlecht als Prozeß

Zunehmend wird Geschlecht jedoch nicht mehr als körperlicher oder sozialer Zustand, sondern als Prozeß von Geschlechtsidentität und Geschlechterbeziehungen gesehen. West und Zimmerman argumentieren, daß Geschlecht keine Variable, keine Rolle ist, sondern das Produkt sozialen Handelns. Worin besteht aber die soziale Herstellung von Geschlecht? Sie stellen die These auf, daß das Geschlecht sich in der Interaktion konstituiert und stellen die eher rhetorische Frage: „Can we avoid doing gender?“ (West/Zimmerman, 1991, S.32). Wenn eine Gesellschaft also in Frauen und Männer unterschieden wird und die Plazierung in einer Sex-Kategorie relevant und zwingend ist, dann ist „doing gender“ unvermeidbar. Geschlecht wird interaktiv hergestellt, beinhaltet eine soziale (Re)produktion von Regeln und Strukturen durch die Individuen in einer Gesellschaft. Soziale Realität entsteht in diesem Konzept prozeßhaft durch komplexe interaktive Praktiken. Entscheidend sind dabei drei Faktoren:

 

  1. die Geburtsklassifikation eines körperlichen Geschlechts
  2. die soziale Zuordnung in sozial akzeptierter Darstellung
  3. die intersubjektive Herstellung von Geschlecht in Interaktionsprozessen

In der jüngsten Forschung wird Geschlecht als Strukturkategorie geöffnet für eine Differenzierung und Prozessualisierung von Ungleichheitsanalyse. Dabei werden Strukturen differenziert als Situationen, die Akteure vorfinden und in denen sie ihre Zwecke, langfristigen Interessen und Handlungsroutinen unter bestimmten Bedingungen verfolgen können und müssen. Die vorhandenen Situationen, bzw. Strukturen, wirken auf das Handeln der Akteure, umgekehrt wirkt aber das Handeln auch auf die Struktur. So werden aus Struktur- nun Prozeßkategorien. Es geht um Konstruktionsprozesse von Geschlecht, aber auch von Klasse, Ethnizität, Religion, Kultur und anderen sozialen Kategorien. Der interaktive Herstellungsmodus von Geschlecht wird für die Analyse entscheidend, also das „doing gender“. Geschlecht ist damit keine Eigenschaft mehr, sondern eine fortwährende soziale Praxis interagierender Individuen über institutionelle Arrangements und alltägliche wie wissenschaftliche Denkmuster.

Kommt der Frauenbewegung ihr Subjekt abhanden?

Anders gefragt: Macht eine Frauenbewegung noch Sinn, wenn nicht mehr von den Frauen gesprochen werden kann? Entpolarisiert und entpolitisiert die Dekonstruktionstheorie nicht zu sehr? Grundsätzlich kann die Frage, ob auch sex und Sexualität ausschließlich sozial konstruiert oder natürlich bedingt sind, nicht abschließend geklärt werden. Ein großer Konsens besteht in der Frauenforschung jedoch hinsichtlich der kulturellen Konstruktion von zwei Formen von gender. Daher wird auf die Politik, die zur Konstruktion oder Stabilisierung einer rein zweigeschlechtlichen Gesellschaft dient, besonderes Augenmerk gelenkt. „Gerade weil die Natur, die Biologie oder der Körper die Aufrechterhaltung der bipolaren Geschlechterordnung nicht immer schon vorab verbürgen und sicherstellen, kommen die sozialen Anstrengungen, die darauf verwendet werden (müssen), sie am Leben zu erhalten, um so schärfer in den Blick.“ (Teubner/Wetterer, 1999, S.16). Vielleicht kann die Dekonstruktion der Geschlechterdifferenz ein radikalerer Ansatz für eine feministische Politik sein, als die bisherigen Versuche der deutschsprachigen Frauenforschung, die Differenz zu enthierarchisieren, ohne die bipolare Ordnung selbst in Frage zu stellen. Dekonstruktionstheorien begründen eine Politik, die geschlechtliche Identitäten entgrenzen statt ausgrenzen soll, eine Politik ohne jede Form der Geschlechterherrschaft. Schon die Zuweisung einer Person in eine Geschlechterordnung verursacht Hierarchie und Diskriminierung, so daß deren Aufhebung nur durch eine Abkehr von der Geschlechtszuschreibung zu erreichen sei.

In der Linken überwiegt jedoch der Sozialisationsansatz, grundsätzlich wird von der Zweigeschlechtlichkeit ausgegangen, ohne einem Geschlecht eine höhere Bewertung zuzusprechen. Dieser Ansatz wirkt jedoch oft verallgemeinernd und wird den unterschiedlichen Situationen verschiedener Frauen oder Männer genausowenig gerecht, wie den Menschen, die sich jenseits der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit identifizieren. Also ist zu fragen, ob nicht ein Neudenken von Geschlechtergleichheit jenseits der bipolaren Rollen in allen Politikfeldern möglich und nötig wird. Ansatzpunkt muß zunächst das Aufdecken von Geschlechterkonstruktion sein, denn solange der konstruktive Charakter und der Herstellungsmodus der Zweigeschlechtlichkeit im Alltagshandeln undurchschaubar bleiben, besteht die Gefahr, daß sie reproduziert werden.

Literatur

 

  • Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht, Hamburg 1951.
  • Becker-Schmidt, Regina und Knapp, Gudrun-Axeli: Feministische Theorien zur Einführung, Hamburg 2000.
  • Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter (Original: Gender Trouble), Frankfurt a.M. 1991.
  • Hagemann-White, Carol: Wir werden nicht zweigeschlechtlich geboren…, in: diess. und Rerrich, Maria S. (Hg.): FrauenMännerBilder, Männer und Männlichkeit in der feministischen Diskussion, Bielefeld 1988, S.224-235.
  • Holland-Cunz, Barbara: Naturverhältnisse in der Diskussion, Die Kontroverse um „sex and gender“ in der feministischen Theorie, in: Bauhardt, Christine und Wahl, Angelika von (Hg.): Gender and Politics, Geschlecht in der feministischen Politikwissenschaft, Opladen 1999, S.15-28.
  • Lorber, Judith: Gender-Paradoxien, Opladen 1999.
  • Lorber, Judith und Farrell, Susan A. (Hg.): The Social Construction of Gender, Newbury Park / London u.a. 1991.
  • Meyer, Ursula: Einführung in die feministische Philosophie, München 1997.
  • Niekant, Renate: Zur Krise der Kategorien „Frauen“ und „Geschlecht“, Judith Butler und der Abschied von feministischer Identitätspolitik, in: Bauhardt, Christine und Wahl, Angelika von (Hg.), a.a.O., S.29-45.
  • Ostendorf, Helga: Die Konstruktion des Weiblichen durch politisch-administrative Institutionen, in: Bauhardt, Christine und Wahl, Angelika von (Hg.), a.a.O., S.149-170.
  • Stephan, Inge und Braun, Christina von (Hg.): Gender-Studien, Eine Einführung, Stuttgart u.a. 2000.
  • Teubner, Ulrike und Wetterer, Angelika: Gender-Paradoxien: Soziale Konstruktion transparent machen, Einleitung, in: Lorber, Judith, a.a.O., S.9-29.
  • West, Candace und Zimmerman, Don H.: Doing Gender, in: Lorber, Judith und Farrell, Susan A. (Hg.), a.a.O., S.125-151.
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